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Brief - Liebe Lotta

BRIEF:

08. November 2010

Liebe Lotta,

Du hast erzählt, dass das Studium in Dortmund ziemlich anders sei, als in Hannover: Die Professoren und Dozenten bekämen am Ende der Vorlesung keinen „akademischen Beifall“, in den Veranstaltungen gäbe es wenig Beteiligung und viele Anwesende würden gerne miteinander reden, ohne auf Kommilitonen oder Dozenten Rücksicht zu nehmen. Na ja, wenn ich jetzt sagen würde, dass sich vielleicht die Zeiten ändern, dann klingt das eher antiquiert und ist wohl auch falsch. Ich begreife das nicht wirklich: Das Studium ist wie der Schulbesuch ein riesiges Privileg junger Menschen in der Gesellschaft, das zudem die ganze Gesellschaft noch richtig viel Geld kostet. Eigentlich müsste doch klar sein, dass mindestens nach dem Ende der Schulpflicht keiner mehr zur Schule oder in die Uni gehen muss. Und wer das Privileg nutzt, der sollte doch auch wirklich das Beste draus machen.

Neulich habe ich ein ganz schwieriges Gespräch geführt. Einem junger Mann, etwa 25 Jahre alt, Auszubildender bei der Kreisverwaltung, mussten wir fristlos kündigen. Er hat so oft und so lange unentschuldigt gefehlt, alle Beratungsgespräche und Ermahnungen haben nicht geholfen, dass nichts anderes mehr möglich war. Mit seinen Eltern saß er dann bei mir und sie fragten, ob nicht noch einmal Gnade vor Recht ergehen könne. Es war schwierig und traurig, nein sagen zu müssen – aber es ist das Geld der Menschen im Kreis Recklinghausen, mit dem wir auch die Azubi-Vergütungen zahlen. Auch die anderen Auszubildenden im Kreis beobachten das und fragen dann ihre Ausbilder, ob man sich eigentlich alles leisten könne.

Na ja, das war wirklich schwierig.

Aber meist gibt es wirklich tolle Begegnungen mit unseren jungen Leuten: die meisten sind aktiv und kritisch, kreativ und total engagiert. Aber davon erzähle ich vielleicht das nächste Mal.

Liebe Grüße

Cay