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Brief - Liebe Lotta

BRIEF:

22. Januar 2015

Liebe Lotta,

viele sind durch die Morde an den Redakteuren von Charlie Hebdo, die Hinrichtung auf offener Straße des Polizisten, der zu Hilfe eilt, die Toten von Verviers, den schlimmen Krieg in der Ukraine, die Mordbrenner der Boko Haram, angesichts der Trittbrettfahrer und „Immer-schon-gewusst“ Positionen sehr nachdenklich – mir geht das auch so.

Der Blick aus dem Fenster zeigt die Welt so wie immer, Walter verkauft Blumenkohl, Hasan geht ins Café, Frau Zehm winkt aus dem Fenster, die Sonne scheint. Und doch ist die Welt gefühlt ziemlich aus den Fugen geraten. Was tun?

Na klar, Konflikte müssen immer gewaltfrei ausgetragen werden, die Ausübung von Gewalt muss dem Staat vorbehalten sein. Das reicht aber nicht. Was können wir tun, um zu verstehen und zu verändern? Was hältst Du von einem Blickwechsel?

Viel zu oft sehen wir die Schwächen, Hindernisse, Fehler und Defizite des Anderen, der anderen Religion, des anderen Landes, der anderen Partei als das Wichtigste an, das unbedingt verändert oder bekämpft werden muss.

Wie schön wäre es stattdessen, wenn wir uns für die Stärken, die Schönheiten, die Potentiale, die hilfreichen Anteile, die anderen Ansätze, die ziemlich unerwarteten Ideen interessieren würden? Wenn das gegenseitig passiert, wenn wir um die besten Ideen wetteifern und uns nicht zu schade sind, gute Wege anderer gut zu nennen und sie zu übernehmen, auch wenn das vielleicht bei uns noch nie so war? Wenn die Sätze „Da könnte ja jeder kommen“ oder „Das haben wir noch nie so gemacht“ uns plötzlich klein und dumm erscheinen?
Fängst Du mit mir an, darüber nachzudenken? Was meinst Du?

Liebe Grüße
Dein
Cay

P.S. Ach ja, ich vergaß, dass der ermordete Polizist in Paris Ahmed hieß. Vielen war wichtig, das zu benennen. Ist es nicht völlig egal, ob ein großes Unglück oder eine Mordtat einen Juden, einen Muslim, einen Christen, eine Frau, einen Mann, eine Deutsche, einen Franzosen, eine Israeli oder einen Palästinenser betrifft? Jede Familie trauert und weint, jedes Kind verliert ein Elternteil, jede Liebe fühlt sich alleingelassen und viele Herzen brechen…