Seitenanfang

Sprungmarken

Hauptinhalt

Brief - Liebe Lotta

BRIEF:

26. Februar 2013

Liebe Lotta,

herzlichen Glückwunsch! Du hast Deine letzte Note aus der Masterprüfung bekommen, ich bin richtig stolz auf Dich.

Aber mal was ganz anderes: Dürfen wir in unserer Gesellschaft eigentlich hinnehmen, dass die Schere zwischen arm und reich immer weiter auseinander klafft? Gerade hat im Kreis Recklinghausen eine Diskussion begonnen, die darauf hinausläuft, wenn wir nicht gut aufpassen.

Unsere Busfahrer bei der Vestischen Straßenbahn verdienen brutto etwa 2000 € im Monat – ausgezahlt ist das natürlich weniger. Wenn die Fahrer oder die Fahrerin damit vielleicht sogar für eine Familie sorgen, dann ist das sogar sehr wenig. Mittlerweile bekommen 30 von ihnen vom Jobcenter ergänzende Hilfe – das sind die sogenannten „Aufstocker“.

Ich meine, dass jeder von uns für seine Arbeit so viel verdienen muss, dass er davon ohne Sozialleistungen ordentlich leben kann – die Gewerkschaft nennt das dann „Gute Arbeit“, im Gegensatz zu Niedriglöhnen, Scheinselbstständigkeit, Minijobs.

Als ich 2009 zum ersten Mal im Kreistag redete, habe ich gesagt: „Unser Auftrag ist, den Menschen im Kreis Recklinghausen ein gutes Leben zu ermöglichen. Sie sollen ihre persönlichen Chancen nutzen können. Damit sie sich und ihre Familien, wo immer es geht, aus eigener Kraft und Arbeit ernähren können. Damit sie ein gutes Zuhause haben, eine funktionierende Nachbarschaft, ein friedliches und lebendiges Stadtviertel und aktive und kraftvolle Städte.“

Jetzt gibt es Menschen im Kreis, die ich sehr ernst nehme, die einen anderen Ansatz haben. Sie sagen, wir sollten überlegen, möglichst wenig öffentliches Geld auszugeben für unser Busunternehmen. Am besten würde es privatisiert.
Wenn man sich anderswo umhört in solchen Unternehmen , bekommen die Fahrer weniger, als bei uns. Das heißt im nächsten Schritt, dass die Zahl der Aufstocker ansteigt. Auch das müssten wir bezahlen. Ganz ehrlich: Da bezahle ich lieber vorher etwas für die Leistung als hinterher für Sozialleistungen.

Ich finde, eine Privatisierung kommt hier nicht in Frage. Wenn wir im Kreis und in den Städten sagen, dass wir uns die Buslinien hier nicht mehr leisten können, dann müssen wir sagen, welche Linien nicht mehr fahren sollen und nicht erwarten, dass die Busfahrer mit noch weniger Geld nach Hause gehen.

Was meinst Du?

Dein Cay