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Liebe Lotta

Briefe an Lotta

Brief - Liebe Lotta
4. Januar 2015

Liebe Lotta,

lang, lang ist es her seit dem letzten Brief. Dass ich Dir jetzt Anfang des neuen Jahres schreibe, hat nichts mit guten Vorsätzen zu tun, obwohl....

Bei mir gab es in der Vorweihnachtszeit in diesem Jahr wieder viele Termine und auch wieder viele Weihnachtskarten, viele ganz persönlich und mit guten Wünschen für 2015.
Einer davon machte mich nachdenklich:
Eine frühere Schulleiterin, schrieb mir unter anderem: „Ihnen wünsche ich für das nächste Jahr Mut, Geduld und eine sichere Perspektive für Ihre Arbeit. Ein Kreis - auch der von Recklinghausen - ist nur eine Linie, wichtig ist, was mitten drin und vor Ort passiert. Das zu sehen ist von der Außenlinie nicht immer einfach."

Mut, Geduld und Perspektive, Durchblick also – das sind wirklich gute Wünsche. Es wäre schön wenn wir alle, gerade die Engagierten und Verantwortlichen für die Region, 2015 davon ganz viel aufweisen und erfahren können.

Und dann kommt das Bild vom Kreis, das ein grundlegendes Problem in unserer Region beschreibt: zehn Städte mit sicher über 50 Stadtteilen und noch viel mehr Nachbarschaften und Stadtvierteln, 620.000 Menschen, die hier zusammenleben. Wo ist denn bei uns ‚mittendrin‘ und wo die Außenlinie? Jeder Mensch steht in der eigenen Stadt auf dem Platz, in neun Städten nur auf der Tribüne, nicht mal an der Außenlinie. Manche kennen gar nicht die wirklich große Zahl der Spielfelder bei uns, der kleineren und größeren Kreise innerhalb des großen Kreises.

Wie schaffen wir da ein gutes Zusammenleben? Miteinander im Team zu spielen, wenn fast alle ein eigenes Spielfeld haben, wenn für alle das eigene Spielfeld das wichtigste ist - wie geht das? Vielleicht hilft, wenn bei dem, was mittendrin, was vor Ort passiert, sich auch der Blick auf die anderen Kreise im Kreis öffnet, wenn wir viel voneinander wissen und uns viel voneinander erzählen. Vom Kirchturm aus überblickt man den eigenen Bereich gut, die anderen sind meist außer Sicht.

Vielleicht wäre gut, zusammenzuhalten, gemeinsam das Beste für die Menschen zu suchen, jeder auf seine Art, aber mit dem Bewusstsein: Zukunft durch Zusammenhalt.

Was meinst Du? Sind das eher fromme Wünsche oder was muss passieren, damit das klappt und trägt?

Liebe Grüße

Cay



14. Dezember 2013

Liebe Lotta,

drei Viertel der SPD Mitglieder haben über die GroKo abgestimmt. Drei Viertel davon haben ihr zugestimmt. Das ist ein mehr als eindeutiges Votum.

Was heißt das denn jetzt?
Einige sagen, jetzt kommt die große Verschmelzung der SPD mit einer sozialdemokratisierten CDU und alle politischen Positionen verschwimmen und verschwurbeln im Beliebigkeitsnebel.

Ich will das nicht und habe trotzdem für die Groko gestimmt. Nicht, damit Einheitssauce über das Land gegossen wird.

Nein, wir brauchen als SPD jetzt und künftig eine ganz konkrete strategische Partnerschaft mit den Gewerkschaften, um für starke Arbeitnehmerrechte in einer starken Wirtschaft mit einer intakten Industrie zu sorgen.

Wir brauchen nicht weniger, wir wagen mehr Demokratie, wie wir als Partei zum hundertsten Geburtstag von Willi Brandt gerade vorgemacht haben.

Wir brauchen aber auch schneller Klarheit und Rechtssicherheit bei planerischen Großvorhaben. Viele in der Welt denken doch, dass wir jahrzehntelange Planungs- und Klageverfahren extra einbauen, damit der Exportweltmeister nicht noch besser wird.

Wir brauchen eine klare politische Position, um die zunehmende Armut zu bekämpfen. Nur die Reichen können sich im Übrigen einen armen Staat leisten – deshalb waren wir ja auch für Steuererhöhungen für Spitzenverdiener, um wichtige öffentliche Leistungen etwa im Bildungsbereich ordentlich auszustatten.

Wir müssen gegen nationalistische Tendenzen in Europa und der Welt angehen – wir müssen Europa stärken, nicht schwächen.

Wir brauchen eine eindeutige politische Position für die Wiederherstellung der Privat- und Intimsphäre jedes Einzelnen. Die Spitzelei der Geheimdienste muss aufhören.

Wir müssen die Finanzindustrie in ihre Schranken weisen. Nie wieder darf da so gezockt werden, dass ganze Länder mit den Spargroschen der kleinen Leute dafür haften müssen.

Für die traditionellen Industrieregionen Deutschlands brauchen wir keine Almosen mit der Gießkanne, sondern eine soziale und kommunale Sanierungsinitiative, eine gemeinsame Neuaufstellung.

Dass all das nur mit Mehrheiten vom Bund über die Länder bis zu den Kommunen erreichbar ist, ist klar. Bis eine solche Mehrheit erreicht ist, kann man nur Teilziele durch Kompromisse mit politischen Konkurrenten erreichen. Darum geht es bei der GroKo, korrekt und fair.

Mit den Grünen hätten wir von unseren Zielen mehr erreichen können – hätten wir bei der Bundestagswahl eine gemeinsame Mehrheit erreicht. Der Satz von Peer Steinbrück fällt mir dazu ein: „Hätte, hätte – Fahrradkette.“ Dass wir seit dem Leipziger Parteitag bewusst auch eine bundespolitische Zusammenarbeit mit der Linken nicht mehr ausschließen, ist gut und richtig.

Unsere BundesGenossen im neuen Kabinett wissen, dass die SPD kein Kanzlerwahlverein ist, sondern eine stolze, 150 Jahre alte, programmatisch aufgestellte Partei. Wir sind Freiheit, Gleichheit, Solidarität verpflichtet. Wir setzen auf die Menschen, die jeden Tag zur Arbeit gehen, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen oder das ihr Leben lang getan haben oder die trotz aller Mühen keine Arbeit finden.

Wie die Gewerkschaften werden wir vor Ort jetzt ganz genau aufpassen, dass der Koalitionsvertrag nach Wortlaut und Sinn für die Kolleginnen und Kollegen, für die Genossinnen und Genossen, für die Menschen vor Ort Fortschritt bringt.

Und jetzt geht’s los. Ich bin sehr gespannt!

Viele liebe Grüße

Dein Cay



26. Februar 2013

Liebe Lotta,

herzlichen Glückwunsch! Du hast Deine letzte Note aus der Masterprüfung bekommen, ich bin richtig stolz auf Dich.

Aber mal was ganz anderes: Dürfen wir in unserer Gesellschaft eigentlich hinnehmen, dass die Schere zwischen arm und reich immer weiter auseinander klafft? Gerade hat im Kreis Recklinghausen eine Diskussion begonnen, die darauf hinausläuft, wenn wir nicht gut aufpassen.

Unsere Busfahrer bei der Vestischen Straßenbahn verdienen brutto etwa 2000 € im Monat – ausgezahlt ist das natürlich weniger. Wenn die Fahrer oder die Fahrerin damit vielleicht sogar für eine Familie sorgen, dann ist das sogar sehr wenig. Mittlerweile bekommen 30 von ihnen vom Jobcenter ergänzende Hilfe – das sind die sogenannten „Aufstocker“.

Ich meine, dass jeder von uns für seine Arbeit so viel verdienen muss, dass er davon ohne Sozialleistungen ordentlich leben kann – die Gewerkschaft nennt das dann „Gute Arbeit“, im Gegensatz zu Niedriglöhnen, Scheinselbstständigkeit, Minijobs.

Als ich 2009 zum ersten Mal im Kreistag redete, habe ich gesagt: „Unser Auftrag ist, den Menschen im Kreis Recklinghausen ein gutes Leben zu ermöglichen. Sie sollen ihre persönlichen Chancen nutzen können. Damit sie sich und ihre Familien, wo immer es geht, aus eigener Kraft und Arbeit ernähren können. Damit sie ein gutes Zuhause haben, eine funktionierende Nachbarschaft, ein friedliches und lebendiges Stadtviertel und aktive und kraftvolle Städte.“

Jetzt gibt es Menschen im Kreis, die ich sehr ernst nehme, die einen anderen Ansatz haben. Sie sagen, wir sollten überlegen, möglichst wenig öffentliches Geld auszugeben für unser Busunternehmen. Am besten würde es privatisiert.
Wenn man sich anderswo umhört in solchen Unternehmen , bekommen die Fahrer weniger, als bei uns. Das heißt im nächsten Schritt, dass die Zahl der Aufstocker ansteigt. Auch das müssten wir bezahlen. Ganz ehrlich: Da bezahle ich lieber vorher etwas für die Leistung als hinterher für Sozialleistungen.

Ich finde, eine Privatisierung kommt hier nicht in Frage. Wenn wir im Kreis und in den Städten sagen, dass wir uns die Buslinien hier nicht mehr leisten können, dann müssen wir sagen, welche Linien nicht mehr fahren sollen und nicht erwarten, dass die Busfahrer mit noch weniger Geld nach Hause gehen.

Was meinst Du?

Dein Cay



19. Januar 2013

Liebe Lotta,

gleich suche ich weiter nach Rechtschreibfehlern in Deiner Masterarbeit, aber vorher kommt noch eine Frage: Wie kann bei immer unterschiedlicheren demokratischen Entscheidungswegen in Zukunft die Handlungsfähigkeit unserer Gesellschaft erhalten werden. Darüber haben schon viele kluge Köpfe an den Universitäten und in den Parlamenten nachgedacht – wir vor Ort sollten das vielleicht auch.

Na klar: Es ist gut und richtig, wenn wir Menschen möglichst viel selbst und frei entscheiden können. Kauf ich mir den PC oder das Fahrrad? Fährt die Familie nach Griechenland oder an die Ostsee in Urlaub? Baut die Nachbarschaft auf der Gemeinschaftsfläche einen Sandkasten oder eine Boulebahn?

Aber auch bei größeren gesellschaftlichen oder staatlichen Aufgaben wird immer häufiger nach Bürgerentscheidungen gerufen. Beispiele kann ich nennen: Stuttgart 21 war in aller Munde, hier in die Region die A 52 oder die Realschule in Castrop-Rauxel.

Bisher hat bei uns das System der Stellvertreter, der repräsentativen Demokratie mehr recht als schlecht funktioniert. Die Menschen wählen die, denen sie am meisten vertrauen und zutrauen - vielleicht auch nur am wenigsten misstrauen - in den Rat, den Kreistag oder den Landtag, als Bürgermeister oder Landrat. Diese treffen dann die anstehenden Entscheidungen im Rahmen der Verfassung und des geltenden Rechts, werden von den Richtern kontrolliert und bei der nächsten Wahl bestätigt oder abgelöst. Damit ist auch klar, wer ganz persönlich die Verantwortung tragen muss und welche Konsequenzen falsche oder von den Menschen nicht gewollte Entscheidungen haben können – der oder die Betreffende wird nicht wieder- oder sogar abgewählt.

Auf der anderen Seite stehen die Bürgerentscheide. Warum frage ich die Menschen nicht direkt? Was soll die Zwischenschaltung gewählter Vertreter? Soll die Stadt Gladbeck für den A 52 Tunnel zwei Millionen Euro beisteuern, um die Tunnellösung zu optimieren oder nicht? 40% der Gladbecker haben sich beteiligt, 56 % davon haben „nein“ gesagt – das ist klar! Ob ich das richtig oder falsch finde, ist hier gar nicht wichtig. Jedenfalls konnten die Menschen zum Beispiel in Marl, in Bottrop, in Dorsten, die, die jeden Tag im Stau stehen oder den Lärm aushalten müssen, die Beschäftigten im Chemiepark, die auf zügige Logistik angewiesen sind, nicht mit abstimmen. Auch für sie wurde mit entschieden – ist das auch richtig?

Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus, steht im Grundgesetz, ausgeübt von Rechtsprechung, Gesetzgebung und Regierung oder Verwaltung.

Und nun kommst Du:
Wie schaffen wir es, bürgerschaftliches Engagement und Bürgerentscheide und das Handeln der auf Zeit gewählten Repräsentanten gut zusammen zu bringen?
Sind beide Systeme schwer verträglich oder kann das verbunden werden?

Jetzt korrigiere ich weiter,

liebe Grüße

Cay



31. Dezember 2012

Liebe Lotta,

die ersten Böller habe ich schon gehört, schnell noch ein paar Zeilen für Dich.

Du fragst, wie es eigentlich weitergeht hier bei uns, hast Sorge, wie sich unsere Region entwickelt.
Um unsere Zukunft ist mir nicht Bange. Wir haben Chancen, Talente und Potentiale hier bei uns im Emscherland – tolle Menschen, mit Namen wie Surmann, Kowalski, Öczan. Wir hatten immer die Kraft, neue Ideen, Sprachen, Kulturen einer sich stetig verändernden Gesellschaft im Schmelztiegel Ruhrgebiet hinzuzufügen. „Die Römer“, die vor 2000 Jahren in Haltern lebten, verschwanden nicht spurlos – schon damals kam eine bunt gemischte Menschenschar aus Italien, Gallien, Spanien, Nordafrika und Kleinasien. Der Eine oder Andere blieb – oder zog weiter.

„Die Polen“ kamen vor etwa 100 Jahren und prägten unsere Region. Zuletzt – vor etwa 50 Jahren – kamen „die Türken“, die, in Abwandlung eines Wortes von Christian Wulff, schon längst ein Teil von Deutschland geworden sind. Gemeinsam mit „eingeborenen“ Westfalen bilden wir ein starkes Stück Deutschland. Klar, dass nichts bleibt, wie es gestern war oder heute ist. Für uns ist ja immer etwas bedrohlich, nicht zu wissen, wie die Zukunft aussieht. Aber eins ist sicher: Morgen ist anders!

Denkst Du auch an die, die an Sylvester und Neujahr für uns alle Dienst tun, in den Krankenhäusern, bei der Polizei, der Feuerwehr, den Notdiensten, die Seelsorger, die sich um Menschen mit Sorgen und Nöten kümmern – ihnen allen gilt unser Dank und unserer besonderer Respekt.

Liebe Grüße

Cay



28. Dezember 2012

Liebe Lotta,

mal sehen, ob die Briefe an Dich auch über Facebook ankommen. Hast Du von der Idee gehört, dass Parfumklassiker nicht mehr mit der klassischen Rezeptur hergestellt werden dürfen? Ich finde, wie so oft hat diese Idee zwei Seiten:
Letztlich ist die Frage, ob Freiheit oder Solidarität den Vorrang haben sollen.

Habe ich die Freiheit, das alte Chanel No. 5 zu nutzen oder verpflichtet mich das System solidarischer Sicherung zum Beispiel gegen Krankheit, nichts zu tun, was meiner Gesundheit schaden kann? Du meinst, das ist an den Haaren herbeigezogen?

Wie ist es mit Fußballspielen (Sportverletzungen kosten viel Geld), einem leckeren Pils oder noch besser, einem Spätburgunder aus der Pfalz (Alkoholmissbrauch??), was ist mit der Zigarette? Wieso kann ich als Skifahrer (gefahrgeneigter Sport) nach dem Beinbruch auf Kosten der Solidargemeinschaft der Krankenversicherten im Krankenhaus liegen?

Ich bin gespannt, was Du dazu meinst.

Liebe Grüße

Cay



11. Juni 2012

Liebe Lotta,

neulich standen auf dem Parkplatz am Süder Markt fünf Opel auf den fünf Parkplätzen – ich war ganz überrascht. Ich habe mich richtig gefreut: Opel baut tolle Autos, viele Menschen aus dem Kreis Recklinghausen stehen bei der Produktion in Bochum am Band, es gibt offenbar auch viele, die die Autos gerne fahren. Warum laufen denn dann immer wieder Schließungsgerüchte durch die Nachrichten? Ich glaube, dass die GM Manager eigentlich gar kein Interesse an der Produktion haben und Opel deshalb den Weg auf den Weltmarkt verbauen.

Das Image war eine zeitlang auch etwas verstaubt war. Der Zafira Tourer, den ich gerade bekommen habe, zeigt aber ein anderes Bild: Toll ausgestattet, bestens im Handling, und dann auch noch optisch ansprechend – obwohl mir der neue Meriva auch sehr gut gefällt.

Ich freue mich immer wieder, wenn Johannes Beisenherz, Bürgermeister von Castrop-Rauxel, Ottilie Scholz, Oberbürgermeisterin von Bochum und ich uns irgendwo in der Metropole Ruhr treffen – alle drei mit einem Dienstwagen von Opel. Ich glaube, in Bayern würde sich kein Bürgermeister trauen, etwas anderes, als ein bayerisches Auto zu fahren.

So, genug Standortmarketing für heute,

liebe Grüße

Cay



09. November 2011

Liebe Lotta,

Akropolis, Sokrates, Olympiade, Platon, was hat uns Griechenland nicht alles gebracht und überliefert – viele Ideen, Verheißungen und Visionen, die Basis abendländischer Kultur.

Und heute lesen wir von einem Land, das bankrott ist. Viele Menschen bei uns sehen nur das Bild von Sirtakitanzen, Retzina und Ouzo schlürfende Faunen, die „unsere Euro“ verprassen.

Ich finde das ungerecht. Die Schere zwischen arm und reich ist bei uns schon immer weiter aufgegangen, in Griechenland ist sie extrem. Dass Familien ihre kleine solide Lebensplanung zerbrechen sehen, wenn das Gehalt mehrfach gekürzt wird und die Steuern und Abgaben immer weiter steigen, ist tragisch. Wir sollten endlich lernen, dass all diese Finanzjongleure mit ihren Derivaten und Leerverkäufen nichts erarbeiten, wovon wir leben können: der Maurer baut unsere Häuser, die Lehrerin schafft die Bildungsbasis, der Bäcker knetet unser Brot, die Krankenschwester hilft, gesund zu werden.

Lass uns endlich in ganz Europa den Ratingagenturen Grenzen setzen und solidarisch dafür sorgen, dass alle Menschen – in Portugal, Holland, Griechenland und bei uns – von ihrer eigenen Arbeit leben können.

Herzlich grüßt Dich

Cay



08. November 2010

Liebe Lotta,

Du hast erzählt, dass das Studium in Dortmund ziemlich anders sei, als in Hannover: Die Professoren und Dozenten bekämen am Ende der Vorlesung keinen „akademischen Beifall“, in den Veranstaltungen gäbe es wenig Beteiligung und viele Anwesende würden gerne miteinander reden, ohne auf Kommilitonen oder Dozenten Rücksicht zu nehmen. Na ja, wenn ich jetzt sagen würde, dass sich vielleicht die Zeiten ändern, dann klingt das eher antiquiert und ist wohl auch falsch. Ich begreife das nicht wirklich: Das Studium ist wie der Schulbesuch ein riesiges Privileg junger Menschen in der Gesellschaft, das zudem die ganze Gesellschaft noch richtig viel Geld kostet. Eigentlich müsste doch klar sein, dass mindestens nach dem Ende der Schulpflicht keiner mehr zur Schule oder in die Uni gehen muss. Und wer das Privileg nutzt, der sollte doch auch wirklich das Beste draus machen.

Neulich habe ich ein ganz schwieriges Gespräch geführt. Einem junger Mann, etwa 25 Jahre alt, Auszubildender bei der Kreisverwaltung, mussten wir fristlos kündigen. Er hat so oft und so lange unentschuldigt gefehlt, alle Beratungsgespräche und Ermahnungen haben nicht geholfen, dass nichts anderes mehr möglich war. Mit seinen Eltern saß er dann bei mir und sie fragten, ob nicht noch einmal Gnade vor Recht ergehen könne. Es war schwierig und traurig, nein sagen zu müssen – aber es ist das Geld der Menschen im Kreis Recklinghausen, mit dem wir auch die Azubi-Vergütungen zahlen. Auch die anderen Auszubildenden im Kreis beobachten das und fragen dann ihre Ausbilder, ob man sich eigentlich alles leisten könne.

Na ja, das war wirklich schwierig. Aber meist gibt es wirklich tolle Begegnungen mit unseren jungen Leuten: die meisten sind aktiv und kritisch, kreativ und total engagiert. Aber davon erzähle ich vielleicht das nächste Mal.

Liebe Grüße

Cay



03. Oktober 2010

Liebe Lotta,

jetzt habe ich Dir fast ein halbes Jahr nicht geschrieben - aber die Zeit, seitdem ich Landrat wurde, ist wie im Fluge vergangen. Immer noch ist vieles neu, aufregend und spannend. Im Juni in unserem schwedischen Partnerkreis Sörmland und im September in Wodzislaw in Polen haben wir viele Unterschiede, aber auch eine große gemeinsame Idee von einem gemeinschaftlichen Leben in Europa erlebt. Die Herzlichkeit der Partner und Freunde in Polen und Schweden war wirklich überwältigend.

Photos davon findest Du bald auch auf meiner Homepage.

Ganz liebe Grüße

Cay



17. Mai 2010

Liebe Lotta,

es gibt was Neues vom Fahrradfahren zu berichten: Ein weiteres Stück der tollen Bahntrassen zum Radeln ist eröffnet. Die erste Probefahrt hat mich begeistert.

Ich habe Dir doch schon von der Zollvereintour mit den Stationen Herten-Ewald, Gelsenkirchener Zoo, Erzbahntrasse, Zollverein, Nordsternpark, Rhein-Herne-Kanal zurück nach Herten erzählt. Bisher musste man sich bei dieser Tour, die etwas über 40 km hat, quer durch das Zollvereinsgelände, dann über eine Eisenbahnbrücke und etwas verschlungen, zum Teil über Straßen zum Nordsternpark durchschlängeln.

Ganz neu geht jetzt vor Zollverein, also noch vor der Straße Schonnebeckhöfe in Essen, eine gut ausgeschilderte alte Bahntrasse komplett asphaltiert östlich um Katernberg herum bis fast auf das Nordsternparkgelände. Ich war sehr angetan - es bleibt allerdings weiterhin bei 40 km Strecke und das ist für die Fitness ja auch gut so.

Viele liebe Grüße

Cay



20. April 2010

Liebe Lotta,

am Freitag bin ich auf Auguste-Victoria, unserem letzten Bergwerk im Kreis Recklinghausen, eingefahren. Du weißt ja, dass ich bisher immer Vorbehalte und Respekt hatte – besonders bei der Vorstellung, 1000 m Gebirge über mir zu haben.

Ich habe mich über mich selbst gewundert. Als ich von der Grubenfahrt hörte, war mir plötzlich klar: da musst du mit.

Mit kalten Fingern habe ich mich dann umgezogen, blaues Hemd, Schienbeinschoner, Halstuch, Helm und Grubenlampe. Und dann 1000 m in 100 sek. hinunter, da musste ich mehr als einmal schlucken.

Unten angekommen und nach den ersten Schritten merkte ich, dass die Hände wieder warm waren. Mir ging es in der ganz neuen Umgebung richtig gut.

Was ich in 1000 m Tiefe alles zu sehen bekam, hat mich fasziniert und begeistert zugleich. Technik pur, Sicherheit ganz groß geschrieben, Top-Leistung und viele tausend Arbeitsplätze – heute weiß ich noch besser als vorher, wie wichtig es ist, diese Schachtanlage wie den ganzen Bergbau für uns zu sichern.

Na ja, mir geht es ja nicht um einen Komplettbericht, wenn sich Dir die Chance bietet, solltest du Dir das vor Ort unbedingt selbst ansehen.

Liebe Grüße

Cay



20. Februar 2010

Liebe Lotta,

im Moment sind sie das Horrorpaar: Schnee und Schlaglöcher. Die Schlaglöcher in Straßen - bei uns im Kreis, aber auch im ganzen Ruhrgebiet. An der Tankstelle hörte ich neulich jemanden ganz übel schimpfen. Die Städte sollten endlich vernünftige Straßen bauen und nicht ständig nur die Löcher stopfen.

Recht hat er - woran er nicht gedacht hat: Uns fehlt das Geld, um die Straßen richtig zu sanieren. Wir haben ja nicht einmal das, um sie zu flicken. Wir brauchen Kredite, um Aufgaben zu erledigen, die andere uns zugeschustert haben.

Deshalb klagen wir ja auch gegen das Land. Zehn Bürgermeister – egal ob schwarz oder rot – und der Landrat ziehen an einem Strang. Das war in der Vergangenheit oft unvorstellbar. Aber jetzt geht das.

Es ist noch nicht lange her, da beklagten sich die Städte im Münsterland, die Ruhrgebietsstädte seien selbst schuld, sie könnten nicht mit Geld umgehen. Inzwischen hat man auch dort verstanden, dass hier nicht lauter durchgeknallte Kämmerer und verrückte Bürgermeister am Werke sind, sondern dass das Geld vorne und hinten nicht reicht.

Besonders ärgert mich, wenn einer die letzten verbliebenen freiwilligen Leistungen streichen will. Es kann doch keiner ernsthaft wollen, dass wir die Frauenhäuser schließen! Stell Dir mal, eine Frau in Not steht mit Kind, Koffer und Kanarienvogelkäfig vor einem Frauenhaus, und muss lesen: ‚Weil dies eine freiwillige Leistung war, mussten wir die Einrichtung leider schließen!’ Das kann keiner wirklich wollen!

Bei einem Termin bin ich neulich gefragt worden, warum die Bürger den Ernst der Lage noch nicht begriffen haben. Ich glaube, das liegt daran, dass wir immer bemüht waren, die Sparmaßnahmen nicht zulasten der Bürger durchzuführen. Aber jetzt geht das nicht mehr. Das fängt bei den Schlaglöchern an und hört bei Bildung und Kinderbetreuung auf.

Drück die Daumen, damit die Richter unsere Hilferufe hören…

Liebe Grüße

Cay



23. Dezember 2009

Liebe Lotta,

was war das für eine schreckliche Überraschung! Wir kommen um die Ecke an der Schützenstraße und sehen: nichts! Unser Weihnachtsbaumverkäufer ist nicht da. Immer standen da die Bäume aufgereiht und immer haben wir den Schönsten rausgesucht und nach Hause getragen – ohne Auto, nur mit Handschuhen bewaffnet, damit es nicht so piekt. Und dieses Jahr stehen wir vor einer leeren Rasenfläche.

Und unsere Fahrt durch Herten Süd hat uns auch nicht weitergebracht. Überall, wo uns noch einfiel, nachzusehen – kein Weihnachtsbaumverkäufer weit und breit.

Weil Deine Pfadfinderfreunde uns dann einen guten Tipp gegeben haben und wir gegen eine Spende für einen guten Zweck wieder den schönsten Baum von allen bekommen haben, ist uns beiden ja ein Stein vom Herzen gefallen.

Genau: jetzt noch in den Ständer und schmücken und dann ist wirklich Weihnachten.

Liebe Grüße

Dein

Cay



03. Dezember 2009

Liebe Lotta,

diskutiert Ihr Studenten eigentlich auch gerade über den neuesten politischen Begriff: "Bildungssparen"? Da hat sich Bildungsministerin Schavan ja etwas ausgedacht... Alle Kinder sollen später studieren können - so weit eine gute Idee. Damit sie die Studiengebühren bezahlen können, sollen die Familien ab der Geburt regelmäßig Geld beiseite legen. Das kann doch gar nicht funktionieren, weil es für viele Familien gar nicht machbar ist.

Es gibt einige Familien, bei denen das Bildungssparen klappen kann. Sogar solche, die nicht einmal sparen müssen, weil sie das Studium ihrer Kinder auch so finanzieren können. Aber wie viele Familien gibt es, die am Monatsende nicht wissen, wovon sie noch ein Brot kaufen sollen. Wie sollen die noch zusätzlich sparen?

Johannes Rau hat die Unis für Arbeiterkinder eingeführt, Jürgen Rüttgers die Studiengebühren. Wir müssen wieder zurück zu den Unis für alle. Jeder, der das Zeug dazu hat, muss in unserem Land auch studieren dürfen. Unabhängig von seiner Herkunft und dem Geldbeutel der Eltern.

Ich hoffe, die Studentenproteste tragen dazu bei, dass die Studiengebühren wieder abgeschafft werden. Damit das "Bildungssparen" gar nicht erst eingeführt werden muss.

Liebe Grüße

Cay



04. November 2009

Liebe Lotta,

ja, jetzt bin ich Landrat. Der 21. Oktober war mein erster Arbeitstag im neuen Büro im Kreishaus. Eine Woche später dann, am letzten Mittwoch, traf sich der Kreistag zu seiner ersten Sitzung. Bei dieser Gelegenheit wurde ich vereidigt und in wirklich feierlicher Atmosphäre in mein Amt eingeführt.

Im Augenblick ist fast jeder Termin „das erste Mal“. Die neuen Kolleginnen und Kollegen sind geduldig und sehr hilfsbereit, damit Monika, Martina und ich schnell in die neue Umgebung und die Arbeit hineinfinden.

Die ersten Termine außerhalb des Kreishauses sind genau so neu und auch vielseitig: Die Eröffnung des Martin-Luther-Forums in Gladbeck, die Kreismeisterschaft der Ziervogelzüchter in Dorsten, der Herbstball der Gewerkschaft der Polizei in Oer-Erkenschwick, das Gedenken an den Holocaust auf dem jüdischen Friedhof in Recklinghausen.
Und dabei ist schon sehr neu, zu hören: “Willkommen, Herr Landrat!“ – manchmal drehe ich mich fast noch um…

Bei meiner Amtseinführung habe ich gesagt, dass wir alle den Auftrag haben, für ein gutes Leben für die Menschen im Kreis Recklinghausen zu arbeiten. Du weißt, dass es mir damit wirklich ernst ist. Ich freue mich, dass es jetzt richtig losgeht.

Liebe Grüße

Cay



27. September 2009

Liebe Lotta,

in den ersten Tagen schwirrte mir der Kopf wie ein Bienenkorb – viele Menschen mit guten Wünschen, Fragen, Hinweisen und Bitten. Das ist mittlerweile ein bisschen ruhiger geworden, so dass ich sortieren und mich auf die neue Aufgabe vorbereiten kann.

Ich bin ganz gespannt, was am Wahlsonntag bei der Bundestagswahl passiert. Hoffentlich klappt es mit einem guten Ergebnis für die SPD. Ich bin auch gespannt, ob im Kreishaus jetzt schon Konsequenzen aus dem Wahlabend am 30.8. gezogen wurden. Na ja, vielleicht sehe ich mir das vor Ort an.

Du bist ja schon wieder auf dem Weg nach Hannover ins Studium, nachdem das Praktikum an der Grundschule in der Feige zu Ende ist. Mich hat gefreut, mit wie viel Power Du da rangegangen bist und wie Du jetzt schon die Schule vermisst. Ich drück Dir die Daumen, dass die Hausarbeiten in Ordnung sind.

Dein Daumendrücken brauche ich natürlich auch, dass der Start im Kreishaus gut gelingt und ich an den verschiedenen Stellen die richtigen Worte finde.

Liebe Grüße

Cay



10. September 2009

Liebe Lotta,

Landrat klingt in meinen Ohren noch ganz neu, noch nicht so recht vertraut. Viele Menschen haben mir gratuliert, haben sich mit mir gefreut, haben mitgefeiert, obwohl wir so lange auf das offizielle Ergebnis warten mussten.

Montagmorgen, gleich nach dem Wahlsonntag, war ich dann wie versprochen beim Personalrat im Kreishaus.

Bevor ich jetzt meinen offiziellen Amtsantritt am 21.10. habe, gibt es natürlich noch viel zu erledigen. Papiere sortieren, planen, aber auch Fahrrad fahren und meine Arbeiten in der Hertener Verwaltung abschließen oder in gute Hände übergeben.

Petra fragte mich Samstag am Gemüsestand, ob wir denn jetzt aus Herten wegziehen würden? Ja nee is klar … natürlich nicht, wieso auch? Und Angelika wurde auch schon gefragt, ob sie denn weiter unterrichten würde. Ich verstehe das nicht, das ist doch ihr Beruf, an dem sie hängt.

Liebe Grüße

Cay



27. August 2009

Liebe Lotta,

Du fragst, wie es mir geht. Sonntag ist Wahltag und langsam fängt es an kribbelig zu werden, wenn ich an den Sonntagabend denke. Immerhin haben wir ein Jahr lang daran gearbeitet, viel Zeit investiert, tolle Ideen geschmiedet und umgesetzt. Unser Team war richtig klasse und eins ist jetzt schon sicher: Wir haben alles getan, was in unserer Macht stand, um diesen Weg erfolgreich zu gehen.

Was ich noch vorhabe? Bis Sonnabend geht es weiter durch den ganzen Kreis Recklinghausen, von Castrop-Rauxel-Schwerin bis Dorsten-Rhade, von Haltern bis Gladbeck-Rosenhügel. Und wenn dann der letzte Stand eingepackt hat, fahre ich zum Testspiel bei den PSV Handball Damen. Die haben mir ein so spannendes Spiel versprochen, dass ich nicht mehr an Wahlkampf denke werde. Sonntag wird ruhig, vielleicht eine Fahrradtour, dann wählen gehen und ab sechs Uhr wird es dann wirklich spannend.

Ganz liebe Grüße und ein ganz großes Dankeschön jetzt schon mal für Deine Hilfe und Deinen Einsatz.

Dein

Cay



07. August 2009

Liebe Lotta,

es ist schon ziemlich verrückt, wenn 5000 Wall-Street-Banker und Aktienhändler, deren Banken voriges Jahr nur mit Steuergeldern in Höhe von 150 Mrd. Dollar gerettet werden konnten, 2008 Gratifikationen und Boni von mindestens 1 Millionen Dollar bekommen haben. Jeder von ihnen, nicht alle zusammen! Das sind 5000 mal 1 Mio. Dollar!

Und Du erzählst über Freunde, die überlegen müssen, ob sie am Monatsende Pampers oder Lebensmittel kaufen.

Es gab ein paar Jahre, da schien soziale Demokratie, die die Sozialdemokraten seit 1863 forderten, fast eine Selbstverständlichkeit.
Heute stehen sich Reiche und Arme immer fremder und ferner gegenüber, massenhafte Armut und unmäßiger Reichtum gefährden unseren Zusammenhalt.

Vielleicht liest Du mal das Papier „Zuerst der Mensch“, das Du auf meiner Homepage findest. Was hältst Du davon?

Liebe Grüße

Cay



22. Juli 2009

Liebe Lotta,

heute will ich Dich mal ein wenig neidisch machen. Beim Aufräumen fiel mir das Bild von Petra und Walter an ihrem supertollen Obst- und Gemüsestand auf dem Süder Markt in die Hände. Mittwochs und Samstags sind sie am Morgen fester Bestandteil des Tagesablaufs.

Kleine Elstar-Äpfel, Bananen, beste Ananas, rote Beete, Aprikosen und unglaublich leckere Cherry-Tomaten, die zeitweise sogar „Bückware“ wurden, weil es mit dem Nachschub nicht so klappte, sind ja meine Favoriten. Wieso es Bückware heißt? Na, knappe Waren musst Du halt nicht ganz nach oben und ganz nach vorne stellen, wenn Du als Händler weißt, dass bestimmt noch drei Kunden kommen, die regelmäßig und in größeren Mengen kaufen und enttäuscht sind, wenn sie nichts mehr bekommen.

Eigentlich ist es wirklich schade! Du sagst, als Studentin säße einfach nicht drin, immer auf dem Markt oder beim Schlachter einzukaufen – ohne Aldi, Lidl und Co ginge es nicht. Oma beklagte sich ja auch, dass die „Billigläden“ die Tante Emma Läden kaputt machen würden. Aber ganz viele kaufen da ein und machen so mit. Und außerdem gibt es ja doch schon noch die kleinen Läden, auch wenn da meist nicht mehr Tante Emma, sondern Onkel Mustafa verkauft.

Und in den Semesterferien kannst Du ja wieder richtig Obst und Gemüse auftanken.

Liebe Grüße, ich freue mich, dass Du bald kommst.

Cay



23. Juni 2009

Liebe Lotta,

das war ein richtiges Fahrradwochenende. Freitag fing es am Nachmittag mit einer Einladung der Dorstener SPD an, den Dorstener Norden zu erkunden. Von Rhade ging es los, zuerst hat uns der Heimatverein durch die Rhader Mühle geführt. Der erste Nachweis für die Mühle stammt aus dem Jahre 1648.

Du erinnerst Dich? Das ist das Jahr, in dem der Westfälische Friede geschlossen wurde, der den dreißigjährigen Krieg beendete. Danach radelten wir nach Lembeck und weiter nach Wulfen Barkenberg. Die Fahrradwege und Straßen sind völlig getrennt - eine echte Gartenstadt, die total unterschätzt wird. Im Gemeinschaftshaus war dann die Tour zuende.

Gestern, am Samstag, sind wir vom Bürgerhaus in Herten Süd mit dem SPD Ortsverein zum Haldenfest in Marl geradelt. Charly Walberg hat eine tolle Route ausgesucht, die fast nur durch Grün und Natur führte. Die Haldenauffahrt war dann eine echte Herausforderung für uns Radfahrer. Oben fanden wir ein tolles Fest und einen wunderbaren Ausblick nach Westen über den Wesel-Datteln Kanal bis nach Dorsten, aber auch rüber nach Scholven. Gut war auch Hannelore Kraft, unsere SPD Vorsitzende in NRW. Sie redet Klartext ohne drumherum. Dass sie sich dabei klar zur Kohle bekennt, tut den Marlern mit Auguste Victoria gut.

Heute, am Sonntag, ging es mit dem Fahrrad zur Jahrhunderthalle. Die Brücke am ZOOM in Gelsenkirchen ist jetzt fertig.Die Erzbahntrasse ist damit jetzt geschlossen vom Rhein-Herne Kanal bis nach Bochum. Ich bin jedesmal wieder begeistert, wenn ich diese Strecke fahre. Überall siehst Du Erinnerungen an das Jahrhundert von Kohle und Stahl, das das Ruhrgebiet groß und stark gemacht hat. Überall siehst Du aber auch, welche Chancen sich in dieser Metropole ergeben. Grün, Wasser, Geschichte, Menschen, Innovation, Toleranz - eben auch auf diesen neuen Trassen für das Fahrrad spürbar.

So, das war mein Bericht vom Wochenende.

Ganz liebe Grüße

Cay





8. Juni 2009

Liebe Lotta,

Du fragst, wie dieses Bankendesaster eigentlich passieren konnte?

Du kennst ja die Schlange aus dem Dschungelbuch, die säuselt: „Vertraue mir...!“ Wenn einer vor der Haustür steht und 20% Gewinn verspricht, wenn man ihm nur sofort das Sparbuch anvertraut, würde man dem mit tiefstem Misstrauen begegnen und ihn vom Hof jagen. Den Nieten in Nadelstreifen haben wir alle zu sehr vertraut – und ihnen das Ersparte anvertraut.

Jetzt, nach dem Platzen der großen Spekulationsblase, muss der Staat, müssen wir alle also, den „Bankstern“ Kaution stellen wie in einem Gangsterfilm. Die Banker trauen sich heute nicht einmal mehr selbst, wenn sie morgens das Portmonee von der einen in die andere Hose stecken. Und anderen Banken schon gar nicht.

Systemrelevant sind Aktiengesellschaften und Fonds für mich nur, weil die Familien „systemrelevant“ sind, die von der Arbeit bei OPEL, bei Karstadt und in all den kleinen oder größeren Betrieben leben – und dafür brauchen wir eben auch Banken und Aktiengesellschaften.

Wir Menschen können ohne gegenseitiges Vertrauen nicht leben. Aber Vertrauen beruht auf unserer eigenen, ganz persönlichen Erfahrung. Da gilt immer noch: Trau, schau wem. Peer Steinbrück muss jetzt alles tun, dass den Banken die Zügel angelegt werden.

Liebe Grüße

Cay





25. Mai 2009

Liebe Lotta,

hast Du eine Ahnung, warum so wenig Kinder aus türkischen Familien bei Euch Pfadfindern sind? Bekir Uzunoglu fragte mich kürzlich noch danach. Dabei stimmen doch eigentlich alle Voraussetzungen: es gibt eigene Gruppen für Mädchen und Jungen und die jeweilige Religion hat bei euch keine besondere Bedeutung.

Eure Traditionen reichen bis in die Wandervogelzeit, zu Lord Baden Powell und auch in den Widerstand gegen die Nazis. Vielleicht sprecht ihr mal drüber, ob die Werbung um Nachwuchs nicht nur über die Schule, sondern auch durch direkten Kontakt zu den Familien möglich ist. Bekir und seine Frau helfen Euch bestimmt.

Liebe Grüße

Cay





06. Mai 2009

Liebe Lotta,

„Süberkrüb, woher kommt der Name eigentlich?“ fragtest Du neulich. Nach Berichten aus der Familie leitet sich der Name von ‚sauberer Krippe’ her und soll von Holland aus nach Schleswig - Holstein gekommen sein. Erste Urkunden stammen aus der Zeit um 1750 aus der Gegend von Aarup.

Vielleicht sagt man in 200 Jahren ja auch im Kreis Recklinghausen, dass der Name erstmals 1982 in Herten auftauchte – als wir nach Herten zogen.

Der Vorname ‚Cay’ gehört mit Kai oder Kay zusammen. Mit dem türkischen Wort für Tee hat er nichts zu tun – wobei der Tee wirklich lecker ist.

Bist Du jetzt schlauer geworden?

Liebe Grüße

Cay





16. April 2009

Liebe Lotta,

Du fragst, was da eigentlich im Kreis Recklinghausen los ist und warum ich mich in der Sache erst ein Mal zu Wort gemeldet habe.

Worum geht es eigentlich? Es geht um die Wahrheit. Es geht darum, was wirklich passiert ist und wer wofür geradestehen muss.

Bisher gab es einen großen Berg aus Vermutungen, Fakten, Meinungen und Gerüchten – und es gibt viele selbsternannte Richter.

Dabei sind nur zwei berufen, das alles zu sortieren und zu entscheiden: Auf der einen Seite der Regierungspräsident. Er ist laut Gesetz in solchen Fällen Vorgesetzter des Landrats. Und auf der anderen Seite die Staatsanwaltschaft und das Gericht, wenn es um Strafbarkeit geht.

Ich bin stinksauer, dass dieses Thema jetzt schon seit Wochen immer wieder durch die Presse geistert. Die Mitarbeiter im Kreishaus, die Politiker im Kreistag, die Menschen im Kreis wissen, dass wir uns beileibe um wichtigere Fragen kümmern müssen. Ich erwarte vom Landrat selbst, von der Bezirksregierung und der Staatsanwaltschaft, dass sie offene Fragen und Konsequenzen so schnell wie möglich klären.

An meiner Position ändert sich nichts: Ich werde mich nicht an Vorverurteilungen beteiligen und keine Freifahrtscheine ausstellen. Es fällt mir auch nicht leicht, ruhig abzuwarten, bis die Fachleute ihre Arbeit gemacht haben, aber einen anderen korrekten Weg gibt es nicht.

Liebe Grüße

Cay





1. April 2009

Liebe Lotta,

„Gibt es eigentlich einen Politiker, der für Dich ein echtes Vorbild ist?“, fragst Du.

Mein Vorbild als Verwaltungsprofi ist und bleibt unser früherer Bundeskanzler Helmut Schmidt, der bei der Flutkatastrophe in Hamburg ganz unbürokratisch für die Menschen sorgte - ein exzellenter Fachmann, der gleichzeitig den Blick für das Machbare hatte und immer Sozialdemokrat blieb. Er sagte: „Ein Politiker hat gefälligst die Wahrheit zu sagen. Er muss nicht alles sagen, was er weiß, er muss nicht alles sagen, was er begriffen hat. Aber das, was er sagt, muss wahr sein.“

Ich finde, dass ist keine zu hohe Erwartung: das ist der Maßstab.

Liebe Grüße,

Cay




21. März 2009

Liebe Lotta,

Du hast gesagt, Hannover sei gut für das Studium, aber danach willst Du auf jeden Fall zurück ins Ruhrgebiet. Das verstehe ich gut. Oma und Opa hatten uns 1982 ja auch gesagt, dass wir nicht lange in Herten bleiben würden. Es sind jetzt schon 27 Jahre geworden – und wir sind hier zuhause.

Und dass diese Verbindung von Metropole und Kleinstadt einen ganz eigenen Reiz hat, dass der blaue Himmel über der Ruhr kein Traum mehr ist und wir mitten im Grünen leben, kommt dazu. Aber die Menschen sind das Wichtigste: offen, bunt, direkt, ehrlich.

Liebe Grüße,

Cay




7. März 2009

Liebe Lotta,

Du wolltest wissen, was ich mit „Gemeinschaft der Generationen“ meine. Die jungen Menschen brauchen immer länger bis sie anfangen können, Geld zu verdienen. Klar ist: Ein Studium dauert einfach länger, als wenn – wie früher – die meisten in die Lehre gehen. Die Menschen, die arbeiten und damit die Werte schaffen, von denen unsere ganze Gesellschaft lebt, werden weniger. Und die älteren Menschen im Ruhestand bleiben viel länger fit und aktiv. Aber es gibt auch mehr Krankheiten.

Wie die Menschen in diesen drei Lebensphasen sich organisieren und vereinbaren, sich unterstützen und helfen, ist die große Herausforderung der Gemeinschaft der Generationen.

Auf keinen Fall dürfen wir zulassen, dass die wirren Ideen eines konservativen Stichwortgebers wie Mißfelder sich festsetzen: Der hat doch allen Ernstes gemeint, es gäbe Menschen, die seien zu alt für ein künstliches Hüftgelenk.

Herzliche Grüße!

Cay




28. Februar 2009

Liebe Lotta,

seit Du in Hannover studierst fragst Du ja öfter mal nach dem Neuesten aus dem "Ruhriland". Deine Himmelsbögen auf der Halde Hoheward gehen gerade an zwei Krücken: Bei Rissen in den Schweißnähten ging das nicht anders.

Aber das siehst Du ja am Mittwoch selbst, wenn Du für Euer Pfadfinderlager einfliegst. Ich finde das im Übrigen Klasse, dass Du das immer noch machst. Was du als Achtjährige und später erlebt hast, macht Ihr jetzt anderen Mädchen möglich.

Deine Studiengebühren für das Sommersemester habe ich überwiesen. Das ist ja wirklich immer ein Brocken. Mir fällt dazu nur ein: Johannes Rau hat hier bei uns die Universitäten für die alle
eingeführt, Rüttgers die Studiengebühren.

Liebe Grüße

Cay