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Liebe Lotta
Briefe an Lotta
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Liebe Lotta,
es gibt was Neues vom Fahrradfahren zu berichten: Ein weiteres Stück der tollen Bahntrassen zum Radeln ist eröffnet. Die erste Probefahrt hat mich begeistert.
Ich habe Dir doch schon von der Zollvereintour mit den Stationen Herten-Ewald, Gelsenkirchener Zoo, Erzbahntrasse, Zollverein, Nordsternpark, Rhein-Herne-Kanal zurück nach Herten erzählt. Bisher musste man sich bei dieser Tour, die etwas über 40 km hat, quer durch das Zollvereinsgelände, dann über eine Eisenbahnbrücke und etwas verschlungen, zum Teil über Straßen zum Nordsternpark durchschlängeln.
Ganz neu geht jetzt vor Zollverein, also noch vor der Straße Schonnebeckhöfe in Essen, eine gut ausgeschilderte alte Bahntrasse komplett asphaltiert östlich um Katernberg herum bis fast auf das Nordsternparkgelände. Ich war sehr angetan - es bleibt allerdings weiterhin bei 40 km Strecke und das ist für die Fitness ja auch gut so.
Viele liebe Grüße
Cay
20. April 2010
Liebe Lotta,
am Freitag bin ich auf Auguste-Victoria, unserem letzten Bergwerk im Kreis Recklinghausen, eingefahren. Du weißt ja, dass ich bisher immer Vorbehalte und Respekt hatte – besonders bei der Vorstellung, 1000 m Gebirge über mir zu haben.
Ich habe mich über mich selbst gewundert. Als ich von der Grubenfahrt hörte, war mir plötzlich klar: da musst du mit.
Mit kalten Fingern habe ich mich dann umgezogen, blaues Hemd, Schienbeinschoner, Halstuch, Helm und Grubenlampe. Und dann 1000 m in 100 sek. hinunter, da musste ich mehr als einmal schlucken.
Unten angekommen und nach den ersten Schritten merkte ich, dass die Hände wieder warm waren. Mir ging es in der ganz neuen Umgebung richtig gut.
Was ich in 1000 m Tiefe alles zu sehen bekam, hat mich fasziniert und begeistert zugleich. Technik pur, Sicherheit ganz groß geschrieben, Top-Leistung und viele tausend Arbeitsplätze – heute weiß ich noch besser als vorher, wie wichtig es ist, diese Schachtanlage wie den ganzen Bergbau für uns zu sichern.
Na ja, mir geht es ja nicht um einen Komplettbericht, wenn sich Dir die Chance bietet, solltest du Dir das vor Ort unbedingt selbst ansehen.
Liebe Grüße
Cay
20. Februar 2010
Liebe Lotta,
im Moment sind sie das Horrorpaar: Schnee und Schlaglöcher. Die Schlaglöcher in Straßen - bei uns im Kreis, aber auch im ganzen Ruhrgebiet. An der Tankstelle hörte ich neulich jemanden ganz übel schimpfen. Die Städte sollten endlich vernünftige Straßen bauen und nicht ständig nur die Löcher stopfen.
Recht hat er - woran er nicht gedacht hat: Uns fehlt das Geld, um die Straßen richtig zu sanieren. Wir haben ja nicht einmal das, um sie zu flicken. Wir brauchen Kredite, um Aufgaben zu erledigen, die andere uns zugeschustert haben.
Deshalb klagen wir ja auch gegen das Land. Zehn Bürgermeister – egal ob schwarz oder rot – und der Landrat ziehen an einem Strang. Das war in der Vergangenheit oft unvorstellbar. Aber jetzt geht das.
Es ist noch nicht lange her, da beklagten sich die Städte im Münsterland, die Ruhrgebietsstädte seien selbst schuld, sie könnten nicht mit Geld umgehen. Inzwischen hat man auch dort verstanden, dass hier nicht lauter durchgeknallte Kämmerer und verrückte Bürgermeister am Werke sind, sondern dass das Geld vorne und hinten nicht reicht.
Besonders ärgert mich, wenn einer die letzten verbliebenen freiwilligen Leistungen streichen will. Es kann doch keiner ernsthaft wollen, dass wir die Frauenhäuser schließen! Stell Dir mal, eine Frau in Not steht mit Kind, Koffer und Kanarienvogelkäfig vor einem Frauenhaus, und muss lesen: ‚Weil dies eine freiwillige Leistung war, mussten wir die Einrichtung leider schließen!’ Das kann keiner wirklich wollen!
Bei einem Termin bin ich neulich gefragt worden, warum die Bürger den Ernst der Lage noch nicht begriffen haben. Ich glaube, das liegt daran, dass wir immer bemüht waren, die Sparmaßnahmen nicht zulasten der Bürger durchzuführen. Aber jetzt geht das nicht mehr. Das fängt bei den Schlaglöchern an und hört bei Bildung und Kinderbetreuung auf.
Drück die Daumen, damit die Richter unsere Hilferufe hören…
Liebe Grüße
Cay
23. Dezember 2009
Liebe Lotta,
was war das für eine schreckliche Überraschung! Wir kommen um die Ecke an der Schützenstraße und sehen: nichts! Unser Weihnachtsbaumverkäufer ist nicht da. Immer standen da die Bäume aufgereiht und immer haben wir den Schönsten rausgesucht und nach Hause getragen – ohne Auto, nur mit Handschuhen bewaffnet, damit es nicht so piekt. Und dieses Jahr stehen wir vor einer leeren Rasenfläche.
Und unsere Fahrt durch Herten Süd hat uns auch nicht weitergebracht. Überall, wo uns noch einfiel, nachzusehen – kein Weihnachtsbaumverkäufer weit und breit.
Weil Deine Pfadfinderfreunde uns dann einen guten Tipp gegeben haben und wir gegen eine Spende für einen guten Zweck wieder den schönsten Baum von allen bekommen haben, ist uns beiden ja ein Stein vom Herzen gefallen.
Genau: jetzt noch in den Ständer und schmücken und dann ist wirklich Weihnachten.
Liebe Grüße
Dein
Cay
03. Dezember 2009
Liebe Lotta,
diskutiert Ihr Studenten eigentlich auch gerade über den neuesten politischen Begriff: "Bildungssparen"? Da hat sich Bildungsministerin Schavan ja etwas ausgedacht... Alle Kinder sollen später studieren können - so weit eine gute Idee. Damit sie die Studiengebühren bezahlen können, sollen die Familien ab der Geburt regelmäßig Geld beiseite legen. Das kann doch gar nicht funktionieren, weil es für viele Familien gar nicht machbar ist.
Es gibt einige Familien, bei denen das Bildungssparen klappen kann. Sogar solche, die nicht einmal sparen müssen, weil sie das Studium ihrer Kinder auch so finanzieren können. Aber wie viele Familien gibt es, die am Monatsende nicht wissen, wovon sie noch ein Brot kaufen sollen. Wie sollen die noch zusätzlich sparen?
Johannes Rau hat die Unis für Arbeiterkinder eingeführt, Jürgen Rüttgers die Studiengebühren. Wir müssen wieder zurück zu den Unis für alle. Jeder, der das Zeug dazu hat, muss in unserem Land auch studieren dürfen. Unabhängig von seiner Herkunft und dem Geldbeutel der Eltern.
Ich hoffe, die Studentenproteste tragen dazu bei, dass die Studiengebühren wieder abgeschafft werden. Damit das "Bildungssparen" gar nicht erst eingeführt werden muss.
Liebe Grüße
Cay
04. November 2009
Liebe Lotta,
ja, jetzt bin ich Landrat. Der 21. Oktober war mein erster Arbeitstag im neuen Büro im Kreishaus. Eine Woche später dann, am letzten Mittwoch, traf sich der Kreistag zu seiner ersten Sitzung. Bei dieser Gelegenheit wurde ich vereidigt und in wirklich feierlicher Atmosphäre in mein Amt eingeführt.
Im Augenblick ist fast jeder Termin „das erste Mal“. Die neuen Kolleginnen und Kollegen sind geduldig und sehr hilfsbereit, damit Monika, Martina und ich schnell in die neue Umgebung und die Arbeit hineinfinden.
Die ersten Termine außerhalb des Kreishauses sind genau so neu und auch vielseitig: Die Eröffnung des Martin-Luther-Forums in Gladbeck, die Kreismeisterschaft der Ziervogelzüchter in Dorsten, der Herbstball der Gewerkschaft der Polizei in Oer-Erkenschwick, das Gedenken an den Holocaust auf dem jüdischen Friedhof in Recklinghausen.
Und dabei ist schon sehr neu, zu hören: “Willkommen, Herr Landrat!“ – manchmal drehe ich mich fast noch um…
Bei meiner Amtseinführung habe ich gesagt, dass wir alle den Auftrag haben, für ein gutes Leben für die Menschen im Kreis Recklinghausen zu arbeiten. Du weißt, dass es mir damit wirklich ernst ist. Ich freue mich, dass es jetzt richtig losgeht.
Liebe Grüße
Cay
27. September 2009
Liebe Lotta,
in den ersten Tagen schwirrte mir der Kopf wie ein Bienenkorb – viele Menschen mit guten Wünschen, Fragen, Hinweisen und Bitten. Das ist mittlerweile ein bisschen ruhiger geworden, so dass ich sortieren und mich auf die neue Aufgabe vorbereiten kann.
Ich bin ganz gespannt, was am Wahlsonntag bei der Bundestagswahl passiert. Hoffentlich klappt es mit einem guten Ergebnis für die SPD. Ich bin auch gespannt, ob im Kreishaus jetzt schon Konsequenzen aus dem Wahlabend am 30.8. gezogen wurden. Na ja, vielleicht sehe ich mir das vor Ort an.
Du bist ja schon wieder auf dem Weg nach Hannover ins Studium, nachdem das Praktikum an der Grundschule in der Feige zu Ende ist. Mich hat gefreut, mit wie viel Power Du da rangegangen bist und wie Du jetzt schon die Schule vermisst. Ich drück Dir die Daumen, dass die Hausarbeiten in Ordnung sind.
Dein Daumendrücken brauche ich natürlich auch, dass der Start im Kreishaus gut gelingt und ich an den verschiedenen Stellen die richtigen Worte finde.
Liebe Grüße
Cay
10. September 2009
Liebe Lotta,
Landrat klingt in meinen Ohren noch ganz neu, noch nicht so recht vertraut. Viele Menschen haben mir gratuliert, haben sich mit mir gefreut, haben mitgefeiert, obwohl wir so lange auf das offizielle Ergebnis warten mussten.
Montagmorgen, gleich nach dem Wahlsonntag, war ich dann wie versprochen beim Personalrat im Kreishaus.
Bevor ich jetzt meinen offiziellen Amtsantritt am 21.10. habe, gibt es natürlich noch viel zu erledigen. Papiere sortieren, planen, aber auch Fahrrad fahren und meine Arbeiten in der Hertener Verwaltung abschließen oder in gute Hände übergeben.
Petra fragte mich Samstag am Gemüsestand, ob wir denn jetzt aus Herten wegziehen würden? Ja nee is klar … natürlich nicht, wieso auch? Und Angelika wurde auch schon gefragt, ob sie denn weiter unterrichten würde. Ich verstehe das nicht, das ist doch ihr Beruf, an dem sie hängt.
Liebe Grüße
Cay
27. August 2009
Liebe Lotta,
Du fragst, wie es mir geht. Sonntag ist Wahltag und langsam fängt es an kribbelig zu werden, wenn ich an den Sonntagabend denke. Immerhin haben wir ein Jahr lang daran gearbeitet, viel Zeit investiert, tolle Ideen geschmiedet und umgesetzt. Unser Team war richtig klasse und eins ist jetzt schon sicher: Wir haben alles getan, was in unserer Macht stand, um diesen Weg erfolgreich zu gehen.
Was ich noch vorhabe? Bis Sonnabend geht es weiter durch den ganzen Kreis Recklinghausen, von Castrop-Rauxel-Schwerin bis Dorsten-Rhade, von Haltern bis Gladbeck-Rosenhügel. Und wenn dann der letzte Stand eingepackt hat, fahre ich zum Testspiel bei den PSV Handball Damen. Die haben mir ein so spannendes Spiel versprochen, dass ich nicht mehr an Wahlkampf denke werde. Sonntag wird ruhig, vielleicht eine Fahrradtour, dann wählen gehen und ab sechs Uhr wird es dann wirklich spannend.
Ganz liebe Grüße und ein ganz großes Dankeschön jetzt schon mal für Deine Hilfe und Deinen Einsatz.
Dein
Cay
07. August 2009
Liebe Lotta,
es ist schon ziemlich verrückt, wenn 5000 Wall-Street-Banker und Aktienhändler, deren Banken voriges Jahr nur mit Steuergeldern in Höhe von 150 Mrd. Dollar gerettet werden konnten, 2008 Gratifikationen und Boni von mindestens 1 Millionen Dollar bekommen haben. Jeder von ihnen, nicht alle zusammen! Das sind 5000 mal 1 Mio. Dollar!
Und Du erzählst über Freunde, die überlegen müssen, ob sie am Monatsende Pampers oder Lebensmittel kaufen.
Es gab ein paar Jahre, da schien soziale Demokratie, die die Sozialdemokraten seit 1863 forderten, fast eine Selbstverständlichkeit.
Heute stehen sich Reiche und Arme immer fremder und ferner gegenüber, massenhafte Armut und unmäßiger Reichtum gefährden unseren Zusammenhalt.
Vielleicht liest Du mal das Papier „Zuerst der Mensch“, das Du auf meiner Homepage findest. Was hältst Du davon?
Liebe Grüße
Cay
22. Juli 2009
Liebe Lotta,
heute will ich Dich mal ein wenig neidisch machen. Beim Aufräumen fiel mir das Bild von Petra und Walter an ihrem supertollen Obst- und Gemüsestand auf dem Süder Markt in die Hände. Mittwochs und Samstags sind sie am Morgen fester Bestandteil des Tagesablaufs.
Kleine Elstar-Äpfel, Bananen, beste Ananas, rote Beete, Aprikosen und unglaublich leckere Cherry-Tomaten, die zeitweise sogar „Bückware“ wurden, weil es mit dem Nachschub nicht so klappte, sind ja meine Favoriten. Wieso es Bückware heißt? Na, knappe Waren musst Du halt nicht ganz nach oben und ganz nach vorne stellen, wenn Du als Händler weißt, dass bestimmt noch drei Kunden kommen, die regelmäßig und in größeren Mengen kaufen und enttäuscht sind, wenn sie nichts mehr bekommen.
Eigentlich ist es wirklich schade! Du sagst, als Studentin säße einfach nicht drin, immer auf dem Markt oder beim Schlachter einzukaufen – ohne Aldi, Lidl und Co ginge es nicht. Oma beklagte sich ja auch, dass die „Billigläden“ die Tante Emma Läden kaputt machen würden. Aber ganz viele kaufen da ein und machen so mit. Und außerdem gibt es ja doch schon noch die kleinen Läden, auch wenn da meist nicht mehr Tante Emma, sondern Onkel Mustafa verkauft.
Und in den Semesterferien kannst Du ja wieder richtig Obst und Gemüse auftanken.
Liebe Grüße, ich freue mich, dass Du bald kommst.
Cay
23. Juni 2009
Liebe Lotta,
das war ein richtiges Fahrradwochenende. Freitag fing es am Nachmittag mit einer Einladung der Dorstener SPD an, den Dorstener Norden zu erkunden. Von Rhade ging es los, zuerst hat uns der Heimatverein durch die Rhader Mühle geführt. Der erste Nachweis für die Mühle stammt aus dem Jahre 1648.
Du erinnerst Dich? Das ist das Jahr, in dem der Westfälische Friede geschlossen wurde, der den dreißigjährigen Krieg beendete. Danach radelten wir nach Lembeck und weiter nach Wulfen Barkenberg. Die Fahrradwege und Straßen sind völlig getrennt - eine echte Gartenstadt, die total unterschätzt wird. Im Gemeinschaftshaus war dann die Tour zuende.
Gestern, am Samstag, sind wir vom Bürgerhaus in Herten Süd mit dem SPD Ortsverein zum Haldenfest in Marl geradelt. Charly Walberg hat eine tolle Route ausgesucht, die fast nur durch Grün und Natur führte. Die Haldenauffahrt war dann eine echte Herausforderung für uns Radfahrer. Oben fanden wir ein tolles Fest und einen wunderbaren Ausblick nach Westen über den Wesel-Datteln Kanal bis nach Dorsten, aber auch rüber nach Scholven. Gut war auch Hannelore Kraft, unsere SPD Vorsitzende in NRW. Sie redet Klartext ohne drumherum. Dass sie sich dabei klar zur Kohle bekennt, tut den Marlern mit Auguste Victoria gut.
Heute, am Sonntag, ging es mit dem Fahrrad zur Jahrhunderthalle. Die Brücke am ZOOM in Gelsenkirchen ist jetzt fertig.Die Erzbahntrasse ist damit jetzt geschlossen vom Rhein-Herne Kanal bis nach Bochum. Ich bin jedesmal wieder begeistert, wenn ich diese Strecke fahre. Überall siehst Du Erinnerungen an das Jahrhundert von Kohle und Stahl, das das Ruhrgebiet groß und stark gemacht hat. Überall siehst Du aber auch, welche Chancen sich in dieser Metropole ergeben. Grün, Wasser, Geschichte, Menschen, Innovation, Toleranz - eben auch auf diesen neuen Trassen für das Fahrrad spürbar.
So, das war mein Bericht vom Wochenende.
Ganz liebe Grüße
Cay
8. Juni 2009
Liebe Lotta,
Du fragst, wie dieses Bankendesaster eigentlich passieren konnte?
Du kennst ja die Schlange aus dem Dschungelbuch, die säuselt: „Vertraue mir...!“ Wenn einer vor der Haustür steht und 20% Gewinn verspricht, wenn man ihm nur sofort das Sparbuch anvertraut, würde man dem mit tiefstem Misstrauen begegnen und ihn vom Hof jagen. Den Nieten in Nadelstreifen haben wir alle zu sehr vertraut – und ihnen das Ersparte anvertraut.
Jetzt, nach dem Platzen der großen Spekulationsblase, muss der Staat, müssen wir alle also, den „Bankstern“ Kaution stellen wie in einem Gangsterfilm. Die Banker trauen sich heute nicht einmal mehr selbst, wenn sie morgens das Portmonee von der einen in die andere Hose stecken. Und anderen Banken schon gar nicht.
Systemrelevant sind Aktiengesellschaften und Fonds für mich nur, weil die Familien „systemrelevant“ sind, die von der Arbeit bei OPEL, bei Karstadt und in all den kleinen oder größeren Betrieben leben – und dafür brauchen wir eben auch Banken und Aktiengesellschaften.
Wir Menschen können ohne gegenseitiges Vertrauen nicht leben. Aber Vertrauen beruht auf unserer eigenen, ganz persönlichen Erfahrung. Da gilt immer noch: Trau, schau wem. Peer Steinbrück muss jetzt alles tun, dass den Banken die Zügel angelegt werden.
Liebe Grüße
Cay
25. Mai 2009
Liebe Lotta,
hast Du eine Ahnung, warum so wenig Kinder aus türkischen Familien bei Euch Pfadfindern sind? Bekir Uzunoglu fragte mich kürzlich noch danach. Dabei stimmen doch eigentlich alle Voraussetzungen: es gibt eigene Gruppen für Mädchen und Jungen und die jeweilige Religion hat bei euch keine besondere Bedeutung.
Eure Traditionen reichen bis in die Wandervogelzeit, zu Lord Baden Powell und auch in den Widerstand gegen die Nazis. Vielleicht sprecht ihr mal drüber, ob die Werbung um Nachwuchs nicht nur über die Schule, sondern auch durch direkten Kontakt zu den Familien möglich ist. Bekir und seine Frau helfen Euch bestimmt.
Liebe Grüße
Cay
06. Mai 2009
Liebe Lotta,
„Süberkrüb, woher kommt der Name eigentlich?“ fragtest Du neulich. Nach Berichten aus der Familie leitet sich der Name von ‚sauberer Krippe’ her und soll von Holland aus nach Schleswig - Holstein gekommen sein. Erste Urkunden stammen aus der Zeit um 1750 aus der Gegend von Aarup.
Vielleicht sagt man in 200 Jahren ja auch im Kreis Recklinghausen, dass der Name erstmals 1982 in Herten auftauchte – als wir nach Herten zogen.
Der Vorname ‚Cay’ gehört mit Kai oder Kay zusammen. Mit dem türkischen Wort für Tee hat er nichts zu tun – wobei der Tee wirklich lecker ist.
Bist Du jetzt schlauer geworden?
Liebe Grüße
Cay
16. April 2009
Liebe Lotta,
Du fragst, was da eigentlich im Kreis Recklinghausen los ist und warum ich mich in der Sache erst ein Mal zu Wort gemeldet habe.
Worum geht es eigentlich? Es geht um die Wahrheit. Es geht darum, was wirklich passiert ist und wer wofür geradestehen muss.
Bisher gab es einen großen Berg aus Vermutungen, Fakten, Meinungen und Gerüchten – und es gibt viele selbsternannte Richter.
Dabei sind nur zwei berufen, das alles zu sortieren und zu entscheiden: Auf der einen Seite der Regierungspräsident. Er ist laut Gesetz in solchen Fällen Vorgesetzter des Landrats. Und auf der anderen Seite die Staatsanwaltschaft und das Gericht, wenn es um Strafbarkeit geht.
Ich bin stinksauer, dass dieses Thema jetzt schon seit Wochen immer wieder durch die Presse geistert. Die Mitarbeiter im Kreishaus, die Politiker im Kreistag, die Menschen im Kreis wissen, dass wir uns beileibe um wichtigere Fragen kümmern müssen. Ich erwarte vom Landrat selbst, von der Bezirksregierung und der Staatsanwaltschaft, dass sie offene Fragen und Konsequenzen so schnell wie möglich klären.
An meiner Position ändert sich nichts: Ich werde mich nicht an Vorverurteilungen beteiligen und keine Freifahrtscheine ausstellen. Es fällt mir auch nicht leicht, ruhig abzuwarten, bis die Fachleute ihre Arbeit gemacht haben, aber einen anderen korrekten Weg gibt es nicht.
Liebe Grüße
Cay
1. April 2009
Liebe Lotta,
„Gibt es eigentlich einen Politiker, der für Dich ein echtes Vorbild ist?“, fragst Du.
Mein Vorbild als Verwaltungsprofi ist und bleibt unser früherer Bundeskanzler Helmut Schmidt, der bei der Flutkatastrophe in Hamburg ganz unbürokratisch für die Menschen sorgte - ein exzellenter Fachmann, der gleichzeitig den Blick für das Machbare hatte und immer Sozialdemokrat blieb. Er sagte: „Ein Politiker hat gefälligst die Wahrheit zu sagen. Er muss nicht alles sagen, was er weiß, er muss nicht alles sagen, was er begriffen hat. Aber das, was er sagt, muss wahr sein.“
Ich finde, dass ist keine zu hohe Erwartung: das ist der Maßstab.
Liebe Grüße,
Cay
21. März 2009
Liebe Lotta,
Du hast gesagt, Hannover sei gut für das Studium, aber danach willst Du auf jeden Fall zurück ins Ruhrgebiet. Das verstehe ich gut. Oma und Opa hatten uns 1982 ja auch gesagt, dass wir nicht lange in Herten bleiben würden. Es sind jetzt schon 27 Jahre geworden – und wir sind hier zuhause.
Und dass diese Verbindung von Metropole und Kleinstadt einen ganz eigenen Reiz hat, dass der blaue Himmel über der Ruhr kein Traum mehr ist und wir mitten im Grünen leben, kommt dazu. Aber die Menschen sind das Wichtigste: offen, bunt, direkt, ehrlich.
Liebe Grüße,
Cay
7. März 2009
Liebe Lotta,
Du wolltest wissen, was ich mit „Gemeinschaft der Generationen“ meine. Die jungen Menschen brauchen immer länger bis sie anfangen können, Geld zu verdienen. Klar ist: Ein Studium dauert einfach länger, als wenn – wie früher – die meisten in die Lehre gehen. Die Menschen, die arbeiten und damit die Werte schaffen, von denen unsere ganze Gesellschaft lebt, werden weniger. Und die älteren Menschen im Ruhestand bleiben viel länger fit und aktiv. Aber es gibt auch mehr Krankheiten.
Wie die Menschen in diesen drei Lebensphasen sich organisieren und vereinbaren, sich unterstützen und helfen, ist die große Herausforderung der Gemeinschaft der Generationen.
Auf keinen Fall dürfen wir zulassen, dass die wirren Ideen eines konservativen Stichwortgebers wie Mißfelder sich festsetzen: Der hat doch allen Ernstes gemeint, es gäbe Menschen, die seien zu alt für ein künstliches Hüftgelenk.
Herzliche Grüße!
Cay
28. Februar 2009
Liebe Lotta,
seit Du in Hannover studierst fragst Du ja öfter mal nach dem Neuesten aus dem "Ruhriland". Deine Himmelsbögen auf der Halde Hoheward gehen gerade an zwei Krücken: Bei Rissen in den Schweißnähten ging das nicht anders.
Aber das siehst Du ja am Mittwoch selbst, wenn Du für Euer Pfadfinderlager einfliegst. Ich finde das im Übrigen Klasse, dass Du das immer noch machst. Was du als Achtjährige und später erlebt hast, macht Ihr jetzt anderen Mädchen möglich.
Deine Studiengebühren für das Sommersemester habe ich überwiesen. Das ist ja wirklich immer ein Brocken. Mir fällt dazu nur ein: Johannes Rau hat hier bei uns die Universitäten für die alle
eingeführt, Rüttgers die Studiengebühren.
Liebe Grüße
Cay




